Hunger! Immer wieder dieser verdammte Hunger. Nie wurde er satt. Ständig diese Sorge um das Essen, vom Trinken ganz zu schweigen.
Dieses Land, in dem er lebte war so kahl, so öde und kalt. Seine Gefährten litten und stöhnten mit ihm. Weite Streifzüge in die Landschaft brachten oftmals nicht mehr als ein wenig Reste von Tieren und undefinierbaren Lebensmitteln. Es war besser, nicht danach zu fragen, was es wohl einmal war. Die Sterblichkeit im Stamme war schon hoch genug. Doch auch da scheute man sich noch, den Kannibalismus zu gestatten.
Noch war es eine reine Glaubensfrage, die sie hinderten, die Kranken und Alten auf die Schlachtbank zu führen.
Hunger! Unglaublich, was ein Wesen aushalten kann. Welche Entbehrungen es ertragen kann. Seine Familie verhungerte und er musste tatenlos zuschauen. War an seine Pflicht gebunden, die religiöse Pflicht, jeden Tag Ausschau zu halten. Ausschau nach dem großen Wunder, dass über das weite karge und dunkle Land kommen mochte. Der Ältestenrat mochte über Hoffnung denken, wie er wollte. Seine Hoffnung lag darin, endlich einen Trupp zur Erkundung zusammenzustellen und das gelobte Land zu suchen.
Seufzend schaute er wieder einmal in die Weite und versuchte wieder einmal, nicht an den Hunger zu denken, der in ihm nagte. Warum nur durfte er nicht aus seinem Versteck heraus? Diese Ältesten nahmen ihm damit auch die letzte Chance, in unmittelbarer Umgebung etwas Essbares zu finden. Niemals den Posten verlassen. Niemals sich zeigen. Immer nur aus dem Dunkel hinausstarren und warten. Warten auf das große Wunder.
Er reckte sich wieder und fühlte wieder dieses nagende Gefühl im Körper. Ich muß handeln, dachte er. Ich muß endlich hinaus und dafür sorgen, dass ich wieder klar denken kann. Essen, endlich essen. Vielleicht sogar ein wenig Wasser. Sein Verlangen wurde unerträglich. Vorsichtig rückte er bis an den Rand seines Verstecks heran. Schaute in die weite Landschaft und bemerkte die Stille dort mit Befriedigung. Alle Geräusche, die sonst so unruhig machten, waren verklungen. Hoffnung stieg in ihm auf. Und dieses Ziehen in seinem Inneren trieb ihn vor den Eingang seines Verstecks.
Er reckte sich und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Blickte sich um und dachte spöttisch darüber nach, welche Gefahren denn hier in dieser Leere lauern sollten. Die Alten sind nicht weise, sie sind dumm und feige, dachte er innerlich lächelnd für sich. Noch einmal brachte ihn der Hunger in Wut. Er reckte sich ein letztes Mal und lief hinaus in die Weite. Frei, endlich frei! Er rannte trotz aller Schwäche hinaus in die Welt, um zu handeln. Nie wieder ergeben auf das Wunder warten. Nie wieder Hunger leiden. Das Leben konnte so schön sein. Und es begann JETZT ! Der unglaubliche Schmerz, den er fühlte, war seine letzte Wahrnehmung. Was genau da auf ihn fiel, hat er nie erfahren, doch es tötete ihn sofort.
"Ich verlasse dieses Haus, mein Lieber, wenn Du nicht SOFORT etwas gegen diese ekligen Kakerlaken in der Küche tust" schrie sie. "Eben habe ich schon wieder eine erlegt"
(c) CeKaDo 2003
Erscheinen 2009 in „Übernächtliches – Mensch hat´s nicht leicht“. ISBN 9783839122877 Books on Demand Norderstedt
Danke schön
Ha ha, schöne Geschichte! Dein Blog kommt in meine Favoritenliste.
Schöne Weihnachten!
Torsten