Dem alten weißen Mann ist es egal

Mein Menschenbild und meine Einstellung zur Gleichberechtigung haben sich mit meinen Lebensjahren verändert. Ich schicke gleich vorweg, dass meine heutige Welt so bunt ist, dass ich die meiste Zeit des Alltags nicht mehr wahrnehme, ob der Mensch in meiner Nähe weiblich, männlich, schwul, dunkelhäutig oder was auch immer ist. Dagegen nehme ich Ausstrahlung wahr, Besonderheiten in den Bewegungen, Lächeln und eben die Feinheiten, die sonst im Alltagsdröhnen nicht beachtet werden.

Als Kind bin ich mit dem männlichen Frauenbild der 60er Jahre aufgewachsen, wurde zum Scheidungskind, habe niemals ein Muttergefühl erlebt und wurde mit einem Vater groß, der sich selbst als gefühlskalt und ausschließlich sachlich bezeichnete. Dass er meine Mutter und damit seine Ex-Frau bis aufs Blut hasste und sein Leben lang zumindest mit Verachtung und Diskreditierung verfolgte, hat er wohl nur sich selbst gegenüber rechtfertigen können.

Meine letzte Ehe vor dieser verlief in Chaos und Gewalt. Eine Frau, die schlimme Dinge tat, sich selbst in ihren Minderwertigkeitskomplexen als großartig darstellte und daheim blutige Narben an mir und meiner Psyche erzeugte. Ich war draußen im Berufsleben der Starke, begann Männer zu verachten und daheim wurde ich immer mehr zu einer weichen Masse ohne jede Greifbarkeit. Frauen wurden für mich zu einem unerfüllten Wunschtraum, nachdem insgesamt vier vorherige Beziehungen ebenfalls chaotisch verliefen. Dagegen wurde mein Männerbild immer deutlicher, die Ablehnung der Männlichkeit an sich immer klarer.

In einem langen Reifungsprozess über eine einige Jahrzehnte hinweg, an dem meine berufliche Arbeit mit Menschen, denen es schlecht geht, sehr beteiligt war, veränderte sich mein Geschlechterbild. Ich bin heute der festen Überzeugung, dass jeder Mensch gleichermaßen das Recht hat, alle Dinge zu erlernen und zu tun, soweit sie andere Menschen nicht in eben diesem beeinträchtigen. Das heißt im Umkehrschluss auch, dass niemand das Recht hat, eine andere Person aufgrund irgendeiner Eigenschaft, wie dem Geschlecht oder der Herkunft, zu diskriminieren oder zu benachteiligen. Das gilt für mich in allen Lebensbereichen. Ich käme als alter weißer Mann niemals auf die Idee, die Kompetenz und Arbeit der Handwerksmeisterin anzuzweifeln, die in unserem früheren Wohnhaus die Heizungsanlage betreut hat. Ebenso wenig kommt mir der Gedanke, dass eine meiner früheren Kolleginnen die männlichen Kunden anders behandeln würde als die weiblichen. Da die letzte Arbeitsstelle zudem in einem internationalen Team war, gilt das auch für die Tatsache der Herkunft, die mir völlig egal ist. Für mich ist es lediglich hochinteressant zu wissen, wie diese Menschen aufgewachsen, geflüchtet oder sich dorthin entwickelt haben, wo sie nun sind. Ich bin eben neugierig und will wissen und verstehen.

Natürlich schaue ich als nicht schwuler, alter, weißer Mann auch gern hübsche Menschen an. Ich erfreue mich ultrakurz an ihrem Anblick und das war es. Ich starre nicht, ich pfeife nicht hinterher, ich lade nicht zum Kaffee ein und ich zwinge ihnen keine Gespräch auf, ebenso wenig wie ich sie berühre. Das darf niemand und schon gar nicht in meinem Alter. Ich bemühe mich um Freundlichkeit gegenüber den Kassierenden an der Supermarktkasse, lache über die Doofen, die bei einer Kassenöffnung von ganz hinten in der Schlange an diese rennen und ärgere mich über dumme Autofahrende. Wie die geneigte Leserschaft sicher feststellt, benutze ich die deutsche Sprache verallgemeinernd wie spezifisch.

Für mich darf jeder Mensch arbeiten, anziehen, lieben und leben wie er oder sie oder wie auch immer will. Es ist mir egal. Solange andere nicht darunter leiden müssen. Verhält sich jemand dagegen, gehört er bestraft. Und dazu braucht es nicht nur Gesetze, sondern auch gesellschaftliche Akzeptanz der absoluten Gleichberechtigung.

Natürlich kann ich keine Kinder gebären. Erstens wegen meines Alters und zweitens aufgrund fehlender biologischer Voraussetzungen. Dennoch habe ich das Recht, als Nichtgebärender akzeptiert zu werden. So wie Frauen, die sich gegen eigene Kinder entschließen. Andererseits habe ich nicht das Recht, meine vielleicht andere Körperchemie dafür einzusetzen, einen Menschen zu missbrauchen, nur weil ich es kann. Ich denke, dass gehört zur Menschlichkeit und zur Eigenschaft als soziales Wesen.

In Gesprächen über Sexualität bezeichne ich mich immer als lesbisch und ernte damit Verwunderung. Vielleicht wird es Zeit, auch diese Bezeichnungen aus unserem Sprachgebrauch zu streichen. Es täte gut, wenn wir nicht mehr zwischen uns diversen Unterschieden Unterschiede machen könnten. Aus meiner Sicht können Worte wie „hetero“ und „Ausländer“ ohnehin aus dem Sprachgebrauch verschwinden. Sie sind in einer vernünftigen und respektvollen Welt nicht notwendig.

Wenn aktuell gerade die Sache Ulmen / Fernandez zum Anlass genommen wird, wieder einmal gegen Männer als Urheber allen weiblichen Übels zu agieren, kann ich nur sagen, dass im Falle dessen, wenn es sich wirklich zu zugetragen hat, der Mensch Ulmen ein Arschloch ist. Unabhängig davon, ob er männlich oder was auch immer ist. Dass zudem die meisten Kriegstreibenden dieser Welt Männer sind, heißt nur meines Erachtens nur, dass diese Typen machtgeile Irre sind und es auch wären, wenn sie weiblich und an der Macht wären. Ich bin mir sicher, dass im Falle dessen, dass die religiöse Entwicklung nicht das Patriarchat sondern das Matriarchat zur Grundlage hätte, wir alle aktuellen Probleme der Gleichberechtigung umgekehrt erleben würden. Ich habe in meinem Leben Frauen nicht als grundsätzlich friedvoller erlebt als Männer. Nur anders erzogen und entwickelt. Und das sollte sich nun schleunigst ändern. Die Zeit ist mehr als reif dafür.

3 Gedanken zu „Dem alten weißen Mann ist es egal“

  1. Auch ich kann das unterschreiben. Ich denke aber schon, dass Männer in aller Regel mehr Aggression in sich tragen als Frauen. Prollig autofahrende Frauen zum Beispiel erlebe ich äußerst selten. Und dass die Welt überhaupt überwiegend patriarchalisch ausgerichtet ist, insbesondere im religiösen Bereich, das zeigt doch gerade, dass unzählige Männer die Frauen im Grunde verachten.

    Interessant in diesem Zusammenhang: Das Buch »Gott ist Feministin – Mein Leben mit Eva, Maria und Lady Gaga« von Mira Ungewitter.
    https://www.buch7.de/produkt/gott-ist-feministin-mira-ungewitter/1046725753?ean=9783451390357

    Und kürzlich habe ich voller Begeisterung »Entromantisiert euch! – Ein Weckruf zur Abschaffung der Liebe« von Beatrice Frasl gelesen.
    https://www.buch7.de/produkt/entromantisiert-euch-beatrice-frasl/1049932585?ean=9783709982518

    Zu allem Überfluss sollen wohl erschreckend viele Männer über die primären weiblichen Geschlechtsorgane so gut wie nichts wissen. Gynäkologin Mandy Mangler kärt in »Don’t miss the Clitoris« auf.
    https://www.buch7.de/produkt/dont-miss-the-clitoris-mandy-mangler/1063716916?ean=9783458645702

    Okay, das waren jetzt viele Links, ich hoffe, das geht in Ordnung.

  2. Wahre Worte, mit denen ich mich sehr gut identifizieren kann. Danke für diesen ausgereiften und sehr persönlichen Text, deine Worte haben mich sehr beeindruckt.

    Du hast das Glück aus deinen Erfahrungen gesunde Schlüsse gezogen zu haben. Ich hoffe es geht dir gut damit.

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