Die Elternansprache

So war ich dann gestern in der Situation, daß ich die offizielle Ansprache der Eltern an die Konfirmanden halten durfte. Die Kirche mit ihren 2.500 Plätzen war sehr gut gefüllt und ich glaube, das war das bislang größte Publikum bei einer Rede, das ich hatte. Wenn auch, in aller Bescheidenheit, nicht wegen mir. :))

Christuskirche Schwelm
(Ein Bild vor Beginn des Gottesdienstes, da während der Konfirmation das Fotografieren nicht erwünscht war)

Hier nun also meine Ansprache an die Gemeinde. Die ersten Zeilen müßt Ihr Euch leider aufgrund der angespannten Situation in der Musikszene entweder aus dem Lied "Junge" von den Ärzten heraushören oder HIER rauskopieren, um den vollständigen Redentext zu haben. Das Lied hat dort 50 Zeilen, die ich gedanklich durchnummeriere.

Elternrede vom 06.04.2008 in der Christuskirche zu Schwelm

Auszug aus dem Liedtext "Junge" – Die Ärzte

Refrain 1: "Und wie Du wieder …. (Zeilen 8 bis 17 des Textes),
Refrain 2: "Und wie Du wieder …. (Zeilen 26 bis 32 des Textes),
Zeilen 44 bis 49 des Textes,
Zeilen 34 bis 36 des Textes,
Zeilen 38 bis 41 des Textes

Das ist ein Auszug aus einem Liedtext der deutschen Rockband "Die Ärzte". Ein Lied das momentan in den German Charts, der deutschen Verkaufs-Hitparade zu finden ist. Ein Lied, das Eltern und Großeltern bewegen könnte, wenn es nicht so lärmend, so rockig wäre. Ein Lied, bei dem die jungen Leute hier oben nur nicken können.

Pubertät ist die Zeit, in der Eltern schwierig werden.

Wir sehen vor uns eine Gruppe junger Menschen, die seit einiger Zeit mit dem Zustand der Pubertät und schwierigen Eltern leben müssen. Menschen in einer Zeit des körperlichen und seelischen Wandels. Es geschieht viel und manchmal recht Dramatisches in ihnen und wir Eltern sind es doch, die häufig zweifeln. Wir zweifeln an uns, an unseren Kindern, an Gott? Haben wir alles richtig gemacht? Sind wir zu streng, zu leichtgläubig, zu vertrauensvoll, zu hart?

"Und Du warst so ein süßes Kind".

Ja, Du warst so ein süßes Kind. Ich erinnere mich an die Geburt meines Kind, das jetzt hier oben mit seinen 14 Jahren steht, als wäre es noch gestern. 12. September 1993, Punkt 23 Uhr. Meine Tochter, meine große Liebe, mein Kind, ein Teil von mir und ein Geschenk Gottes, das mich so unendlich glücklich gemacht hat.

Das süße Baby, das so wunderbar auf meine Oberschenkel passte und auf meinem Bauch geschlafen hat. Das Mädchen, das vertrauensvoll an meiner Hand ging und im Auto während der Fahrt durch Sturm und Schneegestöber trotzdem immer geschlafen hat. Schule, erste Spielkameraden, erste Schritte und immer wieder Neues.

Meine Scheidung, meine Krankheit, viel Böses, viel Leid, unendlich scheinende Probleme und ein neues Leben nur mit uns beiden. Alleinerziehend, gegenseitig alleinerziehend.

Und dann die Pubertät.

Widerstand, Diskussionen, Schminken, der falsche Freund, Leben in einer Höhle, die kaum noch als Zimmer zu bezeichnen ist, Tränen, Streit …. und doch ….. immer wieder MEIN Kind. MEINE Liebe, DAS Geschenk.

Wir haben hier junge Menschen vor uns, bei denen viele Eltern nicht wissen, ob aus ihnen jemals etwas wird. Eltern, die zweifeln. Mitglieder dieser Gemeinde, die den Kopf schütteln. Wir haben dort oben allerdings auch die gleichen jungen Menschen, die sich orientieren müssen, sich finden müssen und ihren Platz in unserer Welt suchen. In einer Welt, die fertig ist und scheinbar keinen Platz für diese Suchenden bietet.

Schauen wir uns doch einmal hier in der Christuskirche zu Schwelm um. Im Kirchenschiff sitzen vier Generationen. Die Kinder in all ihrer Unbekümmertheit und Unbeschwertheit. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die ihre Konfirmation schon hinter sich haben und auf dem Weg zu Familie, Schulabschluß und Karriere sind. Wir sehen hier die Ältesten unserer Gemeinde, die heute auf einen riesigen Erfahrungsschatz zurückblicken können.

Und da sind wir, die Eltern, Tanten, Onkel, Brüder und Schwestern mit all ihrer Sorge, ihrer Verantwortung und manchmal auch dem täglichen Kampf ums Dasein, um das tägliche Mittagessen.

Unsere Jugendlichen hier bekräftigen heute ihren christlichen Glauben, in dem sie aufgewachsen sind. Sicherlich mehr oder minder überzeugt, doch sie bestätigen ihn heute. Dem einen oder anderen Konfirmanden wird der Ernst der heutigen Sache sicherlich völlig abgehen und sein Glaubensbekenntnis wird vielleicht nicht wirklich ein Bekenntnis sein.

Doch Konfirmation kommt vom lateinischen Wort "confirmatio", das heißt "Bestätigung, Bekräftigung".

Nicht nur diese jungen Menschen dort feiern heute ihre Bestätigung, ihre Konfirmation. Auch wir als Gemeinde feiern Konfirmation. Wir bestätigen die Aufnahme all dieser Kinder in unsere Gemeinde. Eine Gemeinschaft der Generationen, eine Gemeinde der Menschen mit all ihrer Vielfalt an Gefühlen, Gaben und Festigkeit im Glauben. Wir, die Gemeinde nehmen die jungen Konfirmanden heute an, ob sie in ihrem Glauben schon ernsthaft gefestigt sind oder nicht.

Wir nehmen sie so, wie sie sind. Mit Löchern in der Nase, schrecklicher Musik und gefärbten Haaren. Wir stellen ihnen unsere Gemeinschaft, unsere Gemeinde zur Verfügung. Mit all dem, was wir sind. Wir öffnen unsere Arme weit und sagen nach dem Vorbilde von Jesus Christus "Willkommen mit all Deinen Zweifeln und Deinen Fragen. Willkommen auf unserem Schiff, das sich Gemeinde nennt. Finde Deinen Platz und fühle Dich aufgenommen."

Amen

——-

Beifall gab es einmal, als die Konfirmanden nach einem selbst einstudierten Lied den Altarraum verließen. Und als ich geendet hatte. Meine eiskalten Hände hat niemand gesehen und ich war auch gut bis in den letzten Platz hinein zu hören, wie mir hinterher von allen Ecken und Enden bestätigt wurde.

"Sie haben mir aus der Seele gesprochen.", "Ich wollte fast mitsingen.", "Danke, das war Das Beste, was ich heute hier gehört habe." "Toll, einfach toll. Danke" …. waren so die Mitteilungen wildfremder Menschen. Und ich war dankbar und froh, daß es so angekommen war. Knapp 5 Minuten meines Lebens, die mich stolz, glücklich und froh gemacht haben. Ich genieße den Nachhall der angekommenen Botschaft und bin dankbar für diese Gabe des "Reden könnens".

Grinsen mußte ich über die Gesichter einiger Konfirmanden, denen beim Zitat der ersten Liedzeilen der Mund nicht mehr zuklappte. Und der Kameramann auf der linken Seite, der plötzlich erstaunt zu mir schwenkte. Viele Kleinigkeiten, die einfach im wahrsten Sinne des Wortes "göttlich" waren. 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert